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(Kommentar-9 Blutige Handys – Die unmenschliche Coltan-Gewinnung

Nokia als pauschaler Bösewicht?

Blutige Handys ist eine Dokumentation die sich mit Kinderarbeit, der Finanzierung von Kriegen durch diese Kinderarbeit, sozialer Verantwortung von Handyherstellern und der bitterbösen Wirtschaft und dem Bösesten von allem: Gewinn und Gewinnmaximierung beschäftigt.

Der Däne Frank Piasecki Poulsen hat Recherchen angestrengt, einen Zusammenhang zwischen Mineralien, Bergbau, Kinderarbeit und den Handys die wir (fast) alle verwenden – einen Film gefertigt, der die Kinderarbeit anklagt aber auch Großunternehmen, die Mineralien beziehen die von Kindern im Bergbau gewonnen werden. Er hat sich dabei in Gefahr begeben, ist nach Afrika gereist und hat sich ein vor Ort im Kongo ein ungefähres Bild der Situation gemacht.

Evil Nokia? Definitiv nein - zumindest nicht allein!Zurück in Europa bemüht er einen Dialog mit dem größten Handyhersteller Nokia und will wissen, wie man beim finnischen Handyhersteller und Marktführer sicherstellt, dass keine Mineralien, die durch Kinderhände abgebaut werden, verwendet werden.

Chance hieß der Junge, der bereits in einer Mine in Bisie arbeitete und jetzt für die Filmaufnahmen wieder dort einsteigt. Dort wird Kasserit abgebaut aus dem Coltan gewonnen wird – wenn ich das richtig verstanden habe. Seine Mama ist mit der Reise des Jungen mit dem Journalist Poulsen einverstanden – ja sehr geil! Der kleine Junge spricht über Bergbau in ungesicherten Stollen, mitten im afrikanischen Busch „Minenland Bergbau“ unter menschenunwürdigen Bedingungen, mal ganz von der Kinderarbeit an sich abgesehen. Und der Typ bringt den Jungen dazu wieder dorthin zurück zu kehren und seine Mutter dazu das überhaupt zuzulassen! WTF!? Hey Poulsen, was ist mit Deiner sozialen Verantwortung!?

Ist es diese Dokumentation wert, dass mindestens 4 Menschenleben riskiert werden?

Zurück in Europa macht sich Poulsen aus, herauszufinden, wer Mineralien aus Kinderhand verwendet und hat sich – und uns den doofen TV-Glotzern – das Unternehmen Nokia herausgepickt um hier tiefer zu schürfen (Wortsport Kreisklasse). Es sind ein Haufen Wörter wie wenn, könnte und möglicherweise in der Berichterstattung verbaut worden. Die Formulierungen in der Doku sind sicherlich bewusst gewählt um juristisch nicht ins Feuer zu geraten. Die Doku vermittelt trotzdem den Eindruck – und das ist leider oft und sehr bewusst so gestaltet – dass Nokia Mineralien aus eben diesen Krisengebieten bezieht und somit Kinderarbeit unterstützt.

Das ist falsch! Ja, der Konzern und seine Pressesprecher hätten sich ein wenig cleverer anstellen können und sich mit dem Thema befassen. Diese Tirade der geplatzten Gesprächstermine zwischen Poulsen und Nokia, nicht stattgefundener Interviews und stammeligen Erklärungsversuche der Nokia-Leute, die sich dem Interview doch gestellt haben vermitteln in der Tat den Eindruck, dass der Titel des Marktführers im Bereich soziale Verantwortung nicht ganz so gerechtfertigt ist. Aber die Doku lässt eine klare Botschaft vermissen: Nokia konnte der Bezug von Mineralien aus dem genannten Gebiet nicht nachgewiesen werden und andere Konzerne wurden überhaupt gar nicht erst befragt.

Was denkt der Poulsen sich denn überhaupt? Dass ein(!) Journalist bei Nokia durch die Pforte tobt, ein dickes Hallali erschallen lässt und Nokia dann als einziges Unternehmen alle Zulieferernamen in Listen offenlegt und alle anderen Handyhersteller weitermachen wie bisher? Whoa, geil – träum‘ weiter, Kollege! Deine Visitenkarte ist für sowas einfach nicht groß genug! Meine wär’s sicher auch nicht.

Ich denke, dass ich hier noch eine eigene Stellungnahme schuldig bin. Ich verurteile Kinderarbeit, verabscheue sie sogar und bin der Meinung, dass sich jedes Kind auf diesem Planeten (und auch auf anderen 🙂 ) frei und ungehemmt entfalten können muss. Wenn mein Statement hier zu Ende wäre könnte ich auch in die große Politik wechseln – will ich aber nicht. Ich mag diesen Sensations- und Prangerjournalismus einfach nicht. Es ist falsch zu suggerieren Nokia wäre das Unternehmen das sich quer stellt und Kinderarbeit somit überhaupt oder weiterhin subventioniert. Es hilft auch nicht, dass eine eine Reise tut – mit dem Erlebnis und einer Forderung dann ein Unternehmen penetriert und erwartet, dass sich ein Großkonzern in gefährliches Fahrwasser begibt.

Hier muss die Politik ran! Gesetze und Richtlinien kommen nun einmal (am Ende) aus der Politik und bringen dann alle! Unternehmen dazu, ihre Zulieferer zu überprüfen oder ihre Namen offen zu legen um eine Überprüfung durch andere möglich zu machen. Dann müssen alle etwas ändern. Das wirtschaftliche Risiko darf nicht bei einem Unternehmen abgeladen werden. Der Domino-Effekt würde hier nicht eintreten – auch wenn Nokia Number One und damit der klare und auserkorende Good Guy mit dieser Vorgehensweise wäre. Die Politik ist hier die richtige Adresse. Und sie kann etwas bei den Handyherstellern bewirken. Das hat die Europäische Kommission mit dem Abkommen über den Einsatz des einheitlichen Ladestandards Micro USB bereits bewiesen.

Und jetzt Poulsen, lass Nokia in Ruhe! Wenn einer die Finnen angreifen darf, dann sind das wir Deutschen wegen der Nokia Werksschließungen in Deutschland.

Bernd Stelter mit seinem Anti-Nokia Song, bitte!

Veröffentlicht inPolitikRantWirtschaft


"(Kommentar-9 Blutige Handys – Die unmenschliche Coltan-Gewinnung" wurde am 28. September 2011 verfasst. . Bitte beachte, dass die Informationen in diesem Artikel lediglich den Stand des Datums der Veröffentlichung spiegeln und sich im Laufe der Zeit geändert haben können.

3 Kommentare

  1. […] verringert/verhindert werden. Hier verweise ich gern noch einmal auf meinen Kommentar zur Doku “Blutige Handys – Die unmenschliche Coltan-Gewinnung” Aber ein Pfandgeld auf Mobiltelefone zu erheben ist da doch nicht der richtige Ansatz. Klar, es […]

  2. Ein lesenswertes Buch als Kritik ist auch nicht so schlecht. Aber es muss halt gelesen werden: „Das Coltan Spiel“. Erhältlich bei Amazon.de
    Grüsse
    Tim Berger

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